22.12.2025
LAGE befürwortet Gedenken im Landtag an die NS-Opfergruppe der Zeugen Jehova
Der LAGE-Sprecher:innenrat hat in seiner Sitzung am 11.12.25 beraten und einstimmig befürwortet, dass wir der Landtagspräsidentin Frau Winzent vorschlagen wollen, an einem der nächsten Gedenktage an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar die Opfergruppe der Zeugen Jehovas zu thematisieren.
Folgende Überlegungen gibt es dazu:
Es gibt die relativ kleine Opfergruppe der Zeugen Jehova, die früher „Ernste Bibelforscher“ genannt wurden. Sie wurden ebenfalls wie Juden und Sinti verfolgt, gequält und ermordet und sind bisher eher etwas vernachlässigt worden, da es sich eben um eine kleine Gruppe handelt, die gleichwohl auch gelitten hat und deren Opfer bedacht werden sollte in der Erinnerungsarbeit. Zeugen Jehovas blieben lange Zeit eine „vergessene Opfergruppe“ der NS-Zeit. Sie verweigerten konsequent den Hitlergruß und den Kriegsdienst. In den Konzentrationslagern wurden sie durch einen lila Winkel stigmatisiert. Ihre Kinder wurden nicht in die Hitlerjugend geschickt und sie lehnten den Wehrdienst ab. Fast 14.000 wurden inhaftiert, mindestens 1750 starben.
Dass wir gerade in der jetzigen Zeit dieses für einen der kommenden Tage des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar im Saarland vorschlagen, hängt mit gewissen Faktoren zusammen, die wir auf diesem Wege auch gerne unseren Mitgliedern und Interessierten an unserer Arbeit vortragen möchte:
Zum einen haben Herren Franz-Josef Schäfer und Edwin Buchmann eine verdienstvolle Studie 2025 auf den Weg gebracht, die erstmals im Saarland die Opfergruppe recherchiert und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht hat. Es ist daraus ein opulentes Buchprojekt entstanden, das unter dem Titel 2025 „Die Verfolgung der Zeugen Jehova in der Saarregion“ veröffentlicht worden ist. (Ebenfalls dargelegt wird darin das Schicksal saarländischer Siebenten-Tags-Adventisten, Reformationsbewegung und von Anhängern der Neu-Salems-Gesellschaft.) Das Buch wurde von der Aleksandra-Stiftung zur Förderung der Westricher Geschichtsforschung und vom Adolf-Bender-Zentrum u.a. gefördert.
Die Moderation bei der Vorstellung dieser Publikation im Stadtarchiv hatte am 27.10.25 Herr Stadtarchivar Dr. Hans-Christian Herrmann vorgenommen, der sich ebenfalls für die Opfergruppe engagiert. Im Jahr 2026 stehen erneut Verlegungen von Stolpersteinen in der Stadt Saarbrücken bevor, darunter wissenschaftlich recherchierte vier Opfer der Zeugen Jehova, die damit erstmals gewürdigt werden sollen und einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden sollen. Auch Oberbürgermeister Herr Conradt hat sich hinter dieses Anliegen gestellt.
2025 ist von Professor Wolfgang Benz, einer Koryphäe der Erinnerungsarbeit in Deutschland, die Publikation „Zukunft der Erinnerung. Das deutsche Erbe und die kommende Generation“ erschienen. Darin beschreibt er auch ausführlich in einem Kapitel die Opfergruppe der Zeugen Jehovas und thematisiert ein Denkmal auch für diese Gruppe. Es könnte eine Idee sein, Herrn Benz ins Saarland einzuladen, was einer Gedenkfeier durch das Auftreten dieser Kapazität zusätzliche Aufmerksamkeit im Land verschaffen würde, da er auch ein Geleitwort zur Publikation über das Saarland verfasst hat. Da Herr Professor Benz zu allen Opfergruppen recherchiert hat, würde seine Einladung auch keine Engführung auf diese Opfergruppe alleine bedeuten.
Als Beispiel für ein Gedenken im Landtag bietet sich Baden-Württemberg an, die 2021 am NS-Gedenktag im Landtag die Zeugen Jehovas in den Mittelpunkt gestellt hatten. Die Präsidentin des baden-württembergischen Landtags Muhterem Aras hat festgestellt: „Die Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas ist zwar recht gut dokumentiert…, aber sie ist nur schwach im öffentlichen Bewusstsein verankert.“ Durchaus kann auch das Zeugnis und die Widerständigkeit dieser religiösen Gruppe in der dunklen Geschichte Deutschlands uns heute ein Vorbild sein, für die Auseinandersetzung mit Haß, Ausgrenzung und der Gefahr rechtsextremer Gewalt. Dies sollte auch im Saarland möglich sein.
Am 26.Juni 2026 wird in Berlin das neue Denkmal für die verfolgten und ermordeten Zeugen Jehova eröffnet. Dieses Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas wird in Berlin im Tiergarten errichtet und wird 2026 in einem staatlichen Festakt eingeweiht werden. Der Deutsche Bundestag beschloss dies einstimmig 2023, die „Stiftung Denkmal“ setzt das Projekt um, eine 4,95 Meter hohe Bronze-Skulptur (Baumstamm-Form) mit Informationstafeln wird errichtet, um an die Standhaftigkeit und die Opfer dieser lange vergessenen Gruppe zu erinnern. Dies könnte ein zusätzliches Argument sein, auch im Bundesland Saarland ein sich daran anschließendes Gedenken zu initiieren.
Frank-Matthias Hofmann, Sprecher der LAG Erinnerungsarbeit im Saarland

