Die LANDESARBEITSGEMEINSCHAFT ERINNERUNGSARBEIT IM SAARLAND ZUR 75. WIEDERKEHR DES 8. MAI 1945

8. Mai – 31. Dez
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Das Kriegsende am 8.Mai 1945 vor 75 Jahren-ein Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus

 Das Kriegsende am 8.Mai 1945 vor 75 Jahren-ein Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus

Die Landesarbeitsgemeinschaft Erinnerungsarbeit im Saarland (LAGE) gedenkt des 8.Mai 1945 vor 75 Jahren - mit einer Performance, durch das Anschließen an eine Petition und durch das Begrüßen eines Bundestagsbeschlusses begeht die LAGE diesen Tag im Saarland.

  1. Wir erinnern an diesen Tag der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht und damit des Endes des Zweiten Weltkriegs. Wir verstehen diesen Tag als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, den wir gerne noch fester als bisher im Gedächtnis der Deutschen verankert wissen würden. Wir schließen uns deshalb der Petition der Überlebenden der Shoah, Esther Bejarano, die aus Saarlouis stammt, an, in der die 95jährige Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz und des KZ Ravensbrück den 8. Mai als gesetzlich geschützten Feiertag in Deutschland eingeführt wissen will und die den bundespolitisch Verantwortlichen vorschlägt. Die LAGE schlägt ebenso vor, dass dieser Feiertag europaweit begangen wird. In einigen Ländern wie Frankreich und Tschechien ist dies bereits der Fall. Als europäisches Datum kann der 8.Mai heute von vielen Europäern gefeiert werden und so Teil des kollektiven Gedächtnisses werden.

In der DDR war der 8. Mai von 1950 bis 1967 und im Jahr 1985 (40. Jahrestag) gesetzlicher Feiertag, 2020 anlässlich der 75.Wiederkehr einmaliger Feiertag unter dem Namen „Tag der Befreiung“ im Land Berlin. Von deutschen Boden ging Krieg aus. Das wollen wir nie wieder. Wir sind dankbar für die Befreiung vom Nationalsozialismus. Richard von Weizsäcker, der frühere Bundespräsident, hat 1985 eine bewegende Rede zur 40. Wiederkehr den 8.Mai, an dem das Deutsche Reich die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet hat, nicht mehr als Niederlage und Verlust gedeutet. Er sprach vom „Tag der Befreiung“ auch der Deutschen vom NS-Regime, das viel zu viele allzu willig mitgetragen und in seiner Unmenschlichkeit mitgestaltet haben. Das hat Weizsäcker damals immer noch viel Widerspruch eingebracht. Die Landesarbeitsgemeinschaft Erinnerungsarbeit im Saarland befürwortet auf der Linie dessen, was Weizsäcker bis heute gültig sagte, dass der  8.Mai künftig gesetzlich geschützter, europaweit gefeierter Feiertag werden soll. So soll dieser Tag im gesellschaftlichen Gedächtnis verankert werden. Wir schließen uns damit der Petition an, die die 95jährige Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz und des KZs Ravensbrück, Esther Bejarano, gestartet hat. Auf der Plattform change.org wird derzeit die Unterstützerzahl von bald 100000 Personen genannt.

Bejarano hat in einem offenen Brief an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Kanzlerin Angela Merkel und Mitglieder des Bundestages geschrieben: „Ich fordere: Der 8. Mai muss Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist überfällig seit sieben Jahrzehnten. Und hilft vielleicht, endlich zu begreifen, dass der 8.Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschlagung des NS-Regimes. Wie viele andere aus den Konzentrationslagern wurde auch ich auf den Todesmarsch getrieben. Erst Anfang Mai wurden wir von amerikanischen und russischen Soldaten befreit. Am 8.Mai wäre dann Gelegenheit, über die großen Hoffnungen der Menschheit nachzudenken: Über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit- und Schwesterlichkeit.“

 

2.      Wir greifen deshalb die Initiative einer Performance „Be-Freilach. Christlich -jüdisches Gedenken zur 75.Wiederkehr des 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung“ auf, die der Klarinettist Helmut Eisel konzipiert hat. Beteiligt sind die LAGE (Sprecher Frank-M.Hofmann), Helmut Eisel, der jüdische Kantor Benjamin Chait (in der Synagoge) und Kantor Ulrich Seibert (Ökumenische Nagelkreuzgemeinschaft in der Ludwigskirche Saarbrücken). Die Komposition mit Texten und Musik wird vom Saarländischen Rundfunk produziert und wird am 8.Mai ab 6 Uhr mnoirgens freigeschaltet.  Die Landesarbeitsgemeinschaft Erinnerungsarbeit hilft auch bei der Finanzierung dieses Projektes mit.

Die Performance knüpft daran an, dass der 8.Mai 1945 als „Tag der Befreiung“ verstanden wird, dessen 75. Wiederkehr am 8.5.2020 wir mit dieser Performance aus Musik und Texten in einem für YouTube produzierten Video gedenken: 

https://www.sr.de/sr/sr2/themen/kultur/20200508_be_freilach_helmut_eisel_andacht_video_100.html

Gemäss der Grundidee von „Be-Freilach“ sollte der Gedanke der Befreiung vom Nationalsozialismus im Fokus stehen. Befreiung 1945 steht auch für die erwünschte „neue Normalität“ nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, 1945 war ein Auszug in etwas Neues, tw. noch unbekanntes Terrain, darin besteht eine Parallel zur jetzigen Situation in der Corona-Krise, in der für die langsam anlaufende gesellschaftspolitische Rückkehr nach der Krise von einer „Rückkehr in eine n e u e Normalität“ gesprochen wird , also on eine Situation, die mit der vorher bestehenden nicht vergleichbar  is (zB. durch vorerst dauerhaftes Fragen von Schutzmasken, Abstand halten, Beachten strenger Hygienevorschriften).

Dies lässt die Erinnerung des Auszuges des Volkes Israel ins "gelobte Land“ aufflammen: Das Gedenken der Befreiung (vom ägyptischen Joch) und wie diese Grunderfahrung des Volkes Israel die Identität der Jüdinnen und Juden bis heute prägt. Von daher ist ein Auszug in eine neue unbekannte Situation für die Synagoge nichts Neues; die Erfahrung mit Gottes Weggeleit (als Feuerschein und Wolkensäule) gibt Kraft, auch in der Moderne entstandene Krisensituationen  mit Gottvertrauen und Zuversicht in menschliche Erfindungskraft zu bewältigen (zB durch Entwicklung eines neuen Impfstoffes gegen Corona; Lernen aus der Situation, künftig auch auf Klimawissenschaftler zu hören, was die Klimakrise betrifft, anlehnend an das Befolgen der Empfehlung der Virologen jetzt und Überprüfung unseres bisherigen ressourcenverschlingenden, verschwenderischen Lebensstils!). Dh. es gibt also auch eine bewußt gewollte und gesteuerte Rückkehr in eine neue Normalität, die von einem anderen Lebensstil (zB. weniger klimaschädigende  Flugreisen, weniger Ressourcenverbrauch im Alltag, entschleunigter Lebensstil generell) geprägt sein sollte.

 

3.      Die LAGE begrüßt den in ihren Augen längst überfälligen Beschluss des Deutschen Bundestages vom 13.2.20, die von den Nationalsozialisten als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ in KZs inhaftierten, gequälten und ermordeten Menschen als weitere NS-Opfergruppe anzuerkennen. Wir begrüßen es ausdrücklich, dass diese beiden Gruppen als Verfolgte anerkannt werden und sie explizit in die
Liste der Leistungsempfänger nach den Härterichtlinien im Allgemeinen Kriegsfolgengesetz aufzunehmen. Auszahlungen nach dieser Richtlinie gab es bislang an 288 als „Asoziale“ und 456 als „Berufsverbrecher“ im Nationalsozialismus inhaftierte Menschen. Wie viele aus diesen Verfolgtengruppen noch leben, ist unbekannt. Es wird von einer sehr niedrigen Zahl ausgegangen, weil sie in der Regel bereits in der NS-Zeit Erwachsene waren. Als „Asoziale“ wurden von den Nazis u.a. Obdachlosem, Bettler oder Prostituierte in KZs gebracht. Zu „Berufsverbrechern“ erklärten die Nazis Menschen, die wiederholt i.d.R. wegen Eigentumsdelikten verurteilt wurden. Ihre Strafe hatten sie allerdings schon verbüßt, bevor sie in einem KZ inhaftiert wurden.

Um zum sog Berufsverbrecher zu werden, genügte es nach der Machtübernahme durch die Nazis 1933, in Vorbeugehaft genommen zu werden, ohne Richterbeschluss und ohne diesen Freiheitsentzug anfechten zu können.

Die LAGE begrüßt es, dass eine Wanderausstellung erstellt werden soll, die in Gedenkstätten gezeigt werden soll und schlägt vor, diese dann auch im Saarland (zum Beispiel im Landtag) zu zeigen. Auch begrüßen wir es, dass es mehr Aufklärung und Forschung zu diesem bisher vernachlässigten Thema geben soll. Niemand dieser „Grün- und Schwarzwinkler“ wurde zu Recht in einem KZ inhaftiert gequält oder ermordet! Niemand sass zurecht im KZ.

 

Für die LAG Erinnerungsarbeit: Frank-Matthias Hofmann, Sprecher des Sprecher_innenrates

Saarbrücken, den 8.Mai 2020

 

Abbildungen:

1.Foto von links: Helmut Eisel, Klarinette und Komponist der Performance; Ulrich Seibert, Organist an der Ludwigskirche; Frank-M. Hofmann, Sprecher der LAG; Heidi Walter, Küsterin der Ludwigskirche

 2.Foto: Helmut Eisel